Nachwuchs auf Bestellung

8 December 2005

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Nachwuchs auf Bestellung

Kinder aus Haiti werden gern von Ausländern adoptiert. Inzwischen ist das ein Geschäft geworden

Klaus Ehringfeld

PORT-AU-PRINCE. Seit mehr als zwei Wochen sitzt Isabel Loth in einem Hotel in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince und wartet sehnsüchtig auf ein Stück Papier. Die 39-jährige Physiotherapeutin aus Frankreich ist seit kurzem Mutter zweier haitianischer Adoptivkinder, doch weder für den dreijährigen Devon noch für seine zwei Jahre ältere Schwester Tiffany existieren Geburtsurkunden. Ohne die Urkunden aber stellen die haitianischen Behörden keinen Pass aus, und ohne Pass erteilt die französische Botschaft kein Visum. Da in dem Karibikstaat aber staatliche Institutionen kaum funktionieren, wird die Beschaffung einer Geburtsurkunde oft zu einem scheinbar unüberwindlichen Hindernis für Adoptiveltern. Und so warten derzeit Dutzende Ausländer wie Isabel Loth in den Hotels Haitis wochenlang, bis sie ihren Nachwuchs in die Heimat mitnehmen können.

Die Bürokratie in Haiti, einem der ärmsten Länder der Welt, hält schon lange nicht mehr mit dem Kinderwunsch vieler Ausländer mit. Das Land hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der nachgefragtesten Ziele für Auslandsadoptionen entwickelt. Das wirtschaftliche und soziale Elend, das viele Familien zwingt, ihre Kinder in die Obhut von Waisenhäusern zu geben, trifft auf den steigenden Wunsch nach Adoptivkindern bei Paaren in Europa und Nordamerika. Zudem stellt Haiti nur geringe Anforderungen an die Adoptiveltern. "Ich hätte als alleinstehende berufstätige Frau kaum in einem anderen Land ein Kind adoptieren können", sagt auch Isabel Loth.

Drehkreuze des Kinderhandels

Den großen Wunsch nach einem Kind aus der Karibik machen sich mehr und mehr auch Geschäftemacher zu Nutze, warnen Kinderschutzorganisationen. Der Grat zwischen legaler Adoption und illegalem Kinderhandel werde schmaler. Das Fehlen funktionierender staatlicher Aufsichtsbehörden leistet dem Vorschub. So ist nach Angaben von Unicef die Zahl der Kinderheime in Haiti in den vergangenen Jahren sprunghaft gestiegen. Bei der staatlichen Familienfürsorge IBESR in Port-au-Prince sind für das ganze Land von der Größe Belgiens 47 Waisenhäuser registriert. Nichtregierungsorganisationen wie die Pan American Development Foundation (PADF) schätzen die tatsächliche Zahl ein vielfaches höher. Viele der Heime hätten nur den einen Zweck, Kinder ins Ausland zu vermitteln. Daher würden sie sich in der Regel auch weigern, kranke oder behinderte Kinder aufzunehmen. Waren Waisenhäuser in Haiti früher Zufluchtstätten für Kinder überforderter Eltern oder für die rund 200 000 Aidswaisen, werden sie zunehmend zu Drehkreuzen für eine Art Kinderhandel.

Eine Adoption kostet in Haiti gewöhnlich bis zu 6 500 Dollar. Darin enthalten sind medizinische und psychologische Betreuung sowie Anwaltskosten und Gebühren. Die schwarzen Schafe unter den Heimen verlangen nach Erkenntnissen des UN-Kinderhilfswerks jedoch bis zu 10 000 Dollar für eine Vermittlung. Im Gegenzug bieten sie den potenziellen Eltern an, ein Kind nach deren Wunsch zu suchen. Mitunter würden sogar Kopfprämien an die leiblichen Eltern gezahlt, wenn sie ihre Kinder abgeben. "Adoptionen an sich sind nichts Schlechtes", sagt Alphonse Nkunzimana, Experte für Menschenhandel bei der PADF. "Aber in Haiti sind sie ein Geschäft geworden."

Doch auch die Kinderheime, die nicht aus Gewinnstreben vermitteln, erfüllen oftmals nicht die Mindeststandards. In vielen Häusern fehlt es an ausreichendem Platz und an den gesetzlich vorgeschriebenen Psychologen und Sozialarbeitern für die Kinder. Die staatliche Familienfürsorge ist in aller Regel überfordert, die Waisenhäuser zu überprüfen.

Eine Ausnahme bildet das Waisenhaus von Dixie Jones. Seit 14 Jahren bietet die US-Amerikanerin in einem geräumigen Haus in den kühlen Bergen hoch über Port-au-Prince über hundert Kleinkindern Platz. Die Einkünfte aus den Adoptionen decken die laufenden Kosten. Alles andere finanziert sie über Spenden aus der Heimat. Ein unschätzbarer Vorteil gegenüber den haitianischen Waisenhäusern. "Fast täglich kommen Mütter und bringen mir ihre Kinder, weil sie selber nicht genug zu essen haben und nachts auf der Türschwelle von Verwandten schlafen müssen", sagt die 50-Jährige. Im Gegensatz zu anderen Heimen nimmt Dixie Jones auch kranke und behinderte Kinder an. "Ich finde fast immer eine Familie im Ausland für sie".

Bei jeder Adoption versucht Dixie Jones zudem, den Kontakt zwischen biologischen und Adoptiveltern herzustellen. Das hält sie für sehr wichtig: "So kommen viele Kinder als Erwachsene vielleicht nach Haiti zurück, um hier ihre Wurzeln zu suchen."

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Exportschlager Mensch

1 300 haitianische Kinder werden nach Schätzungen des UN-Kinderhilfswerks Unicef jedes Jahr zu neuen Eltern vermittelt, vor allem nach Frankreich, Belgien, Kanada und in die USA.

Haiti ist gemessen an der Zahl von 8,5 Millionen Einwohnern das Land mit den zweitmeisten Auslandsadoptionen vor China (10 000 Adoptionen auf 1,3 Milliarden Einwohner). Lediglich aus Guatemala werden mit 3 500 Vermittlungen auf 14 Millionen Einwohner mehr Kinder ins Ausland gegeben.

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Foto: Der kleine Roberto wurde im Heim von Dixie Jones (hinten) abgegeben.

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Foto: Kinder warten in der Nähe der haitianischen Stadt Mapou auf eine Lebensmittellieferung.